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Studium Bachelor B.A. Wirtschaftspsychologie Erfahrungsbericht Fabio Bauer

Wieso Unwissenheit das eigentliche Ziel ist...

Oder wieso Wachstum aus dem Bauch heraus passiert.

Wirtschaftspsychologie-Student Fabio Bauer während seines Erasmus-Semesters in Rom

Im letzten halben Jahr habe ich eine für mich und mein persönliches Wachstum sehr zentrale Einsicht gewonnen, eine Idee, die ich mit dir teilen möchte.

Das Ganze entspringt zweierlei Erfahrungen. Beide drehen sich um persönliches Wachstum und helfen hoffentlich dabei, die folgenden Zeilen mit Leben und Sinn zu füllen.

Darüber wie ich mich überwunden habe

Noch nie bin ich so viel gereist wie im vergangenen halben Jahr meines Studiums. Die zwei Eckpunkte dieser Reisen waren Rom und Panama City, jeweils der Rahmen zweier völlig verschiedener Erlebnisse, die einen gemeinsamen Kern besitzen.

Panama City, Harvard World MUN

Harvard World Model United Nations sind die selbsternannten Olympischen Spiele des Debattierens. Über 1000 Studenten aus 87 Ländern kamen dieses Jahr zusammen um in verschiedenen Komitees, unter fremden Länderflaggen, globale Probleme mit fiktiven Resolutionen zu lösen. Die Teilnehmer kommen aus den besten Universitäten der Welt angereist und sind meist die Oberhäupter ihrer Debattierklubs.

All das wusste ich nicht, als ich den Flyer dazu in meiner Uni auftat und las. Selbst nachdem ich mich durch den Bewerbungsprozess gerungen und gemeinsam mit meiner Delegation vorbereitet hatte, wusste ich World MUN eher zu unterschätzen, als einzuschätzen.

Fahrlässigkeit kann man uns nicht vorwerfen, standfest in Sachen Land und Topic, landeten wir in Panama City. Auf das Kaliber der Kollegen waren wir jedoch unvorbereitet: So zum Beispiel die Marines aus Westpoint, die 17 MUNs im Jahr besuchen und Resolutionen der letzten 20 Jahre aus dem Stand zitieren.

Wir badeten förmlich im Angstschweiß, in Angst davor, uns zu blamieren. Nichtsdestotrotz bin ich auf die anderen Delegationen zugegangen, auch die, die im Nachhinein unorthodox erscheinen mögen und habe Beziehungen aufgebaut, mit Offenheit und blanker Unvoreingenommenheit überzeugt und schlussendlich einen zentralen Teil der Resolution vertreten und präsentiert.

Rom, Erasmus-Semester

Im Club war ich immer der eine, der an der Wand lehnte. Von außen ruhig, aber innerlich im Kampf zwischen dem Unbehagen aus der Menge herauszustechen und der Angst, mich beim Tanzen zu blamieren. Mit dem dumpfen Zerren im Magen eben deshalb aufzufallen, weil ich nicht zum Beat zappelte, wie alle anderen. Ich begann Clubs zu meiden.

In genau so einem Club endete jedoch einer meiner ersten Abende in Rom gemeinsam mit anderen Erasmus'lern. Wir standen um einen Tisch herum und tranken. In Schlagreichweite der Bühne auf der ein halbnackter Beachboy seine Hüften zu Jason Derulos “Tip Toe” schwung. Einen nach dem anderen aus der Menge zog er zu sich auf die Bühne. Ich war, zugegeben leicht angesäuselt, in voller Bewunderung für jeden einzelnen von ihnen.

Vielleicht war es meine zukünftige Freundin gegenüber von mir, oder der Mojito, aber ich entschied in genau diesem Moment, mich nicht mehr zu schämen. Ich kannte die Leute um mich herum kaum, ich konnte sein, wer ich wollte und - bei Gott - keiner von ihnen war ein professioneller Tänzer.

So kämpfte ich mich also eigenmächtig auf die Bühne und tanzte bis ich schwitzte. Ich fühlte mich als hätte ich mit der Bühne einen Berg erklommen, es fühlte sich großartig an, meine Angst und mein Unbehagen zu überwinden. Ich bin stolz auf diese Erfahrung.

Was ich gelernt habe

Im Rückblick auf Panama hätte ich leicht in relativer Unwissenheit gefangen bleiben können. Ich entschied mich jedoch bewusst dazu, trotzdem uneingeschränkt teilzunehmen, dazu meinen Mangel an Erfahrung offen vor mir her zu tragen. Entgegen meines Schweinehundes wurde es mir nie angekreidet, weder von den Westpoint-Marines noch von den Yale Studenten. Vielmehr gab mir der offene Umgang mit meinen Schwächen die Möglichkeit, mit Offenheit und Unvoreingenommenheit an die Probleme heranzugehen.

Ich schaffte neue Perspektiven, Allianzen und Verbindungen zusammen mit weit erfahreneren Delegationen. Ich habe erlebt, dass man mit wenig bis keiner Vorerfahrung seine zutiefst eigenen Stärken umso mehr wertschätzen lernt, man Perspektiven einbringt, welche sich anderweitig womöglich nicht eröffnet hätten und wie kleinste Erfolge den eigenen Antrieb befeuern. Kurz, dass mangelnde Erfahrung Mehrwert bedeuten kann. Für mich und andere.

Wenn mir jemand am Beginn des Abends vorausgesagt hätte, dass ich in einer Handvoll Stunden auf einer Bühne tanzen würde, ich hätte ihn ausgelacht. Am Ende des Abends habe ich mich wie ein König gefühlt, nachdem ich wie ein zittriger Aal auf der Bühne gewackelt hatte. Aus dem Kontext der Fremde heraus entwickelte ich eine Unbeschwertheit, eine Möglichkeit alte Standards fallen zu lassen, eine Herangehensweise, die mir im Nachhinein ungemein wertvoll erscheint. Eben dadurch, das Fremde zu zelebrieren und das faule Gefühl des Unbekannten zu umklammern, entwickelte sich Einzigartiges. Diese Möglichkeiten wirklich Unbekanntes und Unangenehmes zu erfahren, wirkt angesichts meiner Einstellung am Anfang des Abends jedoch kaum planbar. Wie kann ich also mein Gelerntes anwenden?

Was ich mit dem Gelernten anfangen möchte

Aus den beiden großen und vielen kleinen Erfahrungen der letzten Monate habe ich mitgenommen: Leben passiert, alles was ich beeinflussen kann ist meine Reaktion.

Ich kann die Folgen meiner Entscheidungen wahrlich nicht einschätzen. Ich kann mein Leben also nicht strikt planen, nur auf die Möglichkeiten reagieren, die mir das Leben bietet. Und je unangenehmer die Möglichkeiten, desto wertvoller sind sie.

Das soll nicht bedeuten, dass ich meiner Umwelt ausgeliefert bin. Es bedeutet, dass ich in jedem Moment die mich und meine bekannte, komfortable, kleine Realität erweitern kann. Treffe ich Entscheidungen, gilt es meine bisherigen Reiz-Reaktionsmuster bewusst auf die Angst vorm Scheitern zu durchsuchen, mich daran zu erinnern, dass mein offenes Potential im Unbekannten steckt.

Das Ziel ist also mich bewusst für Unwägbarkeit und Unfähigkeit zu entscheiden und dazu, eine Offenheit für Unbehagen zu entwickeln um mehr aus den Chancen zu machen, die sich mir bieten. Konkret, meinem komfortablen Wissen weniger Wert beizumessen, als dem unangenehmen Bohren in der Magengrube. Wachstum passiert aus dem Bauch heraus.

Manch einer mag jetzt sagen: Aha. Wie kannst du auch sonst deinen Erfahrungsschatz erweitern, wenn nicht am Rand deines Bekannten? Und das ist vollkommen richtig so. Aber nur weil es simpel ist, ist es noch lange nicht einfach. Nur weil man viel über Liegestützen gelesen hat, ist man noch lange nicht in Form. Es muss gemacht/gewagt werden.

Wie? Ich werde das Prinzip „Wachstum passiert aus dem Bauch heraus“ jeden Morgen wiederholen, niederschreiben. Es soll zur Gewohnheit werden, einem Grundsatz und mein Handeln leiten. Sollte ich das nicht schaffen, schwätze ich hier nur.

Ich schreibe das bewusst deutlich, um Verantwortung zu übernehmen. Und bei dir so? Wann hast du das letzte Mal dich selbst, deine eingefahrenen Wege sowie alten Prinzipien überwunden? Hat es sich gelohnt? Und vielleicht wichtiger, welche Situationen lösen noch heute das unangenehme Bohren in der Magengrube bei dir aus?